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05.09.2016 12:42 Alter: 2 yrs

Zum Tode von Prof. Dr. Peter von der Lippe


Mit dem Namen Peter von der Lippe verbinden viele sicherlich zunächst „das rote Buch“, sein Werk über „Wirtschaftsstatistik“, das über viele Jahre das Standardwerk und lange das einzige Lehrbuch zu diesem Thema war. Es wurde mit Unterstützung des Statistischen Bundesamtes ins Chinesische und Russische übersetzt und für Schulungen und Weiterbildungsmaßnahmen der Mitarbeiter der statistischen Ämter in den jeweiligen Ländern verwendet. Nicht zuletzt die jahrzehntelange Beschäftigung mit den Aufgaben der amtlichen Statistik führten zu einer auch persönlich engen Bindung zwischen Peter von der Lippe und dem Statistischen Bundesamt. Dies heißt aber nicht, dass Peter von der Lippe die Arbeit der amtlichen Statistik nicht auch sehr kritisch betrachten konnte. Das beste Beispiel ist eine Diskussion, die er leidenschaftlich geführt hat, als die amtliche Statistik beschloss, Kettenindizes für die Inflationsmessung zu nutzen. Selten wurde wohl ein Instrumentarium der amtlichen Statistik so kritisch hinterfragt wie in dieser Phase.

Was hat Peter von der Lippe aber an- und umgetrieben? Zunächst war er – von Hause aus eigentlich Volkswirt – ein leidenschaftlicher Statistiker. Darüber hinaus war er ein kritischer Geist. Diese beiden Eigenschaften ließen ihn einen schon fast misstrauischen Blick auf die Entwicklung „seines“ Faches werfen. Als langjähriges Mitglied des Fachbereichs Wirtschaftswissenschaften an der Universität Duisburg-Essen war es natürlich die Bedeutung der Statistik in der ökonomischen Forschung und Lehre, die seine besondere Aufmerksamkeit erregte. Dabei identifizierte er Entwicklungen, die ihm gefielen, aber auch andere, die er als äußerst diskussionswürdig empfand. Gefallen hat ihm sicherlich die zunehmende Bedeutung der empirischen Forschung in den Wirtschaftswissenschaften. Empirische Evidenz ist heute ein fester Bestandteil bei der Gewinnung neuer Erkenntnisse in der Ökonomie. Auch in der Ausbildung der Studierenden nimmt die quantitative Methodik einen immer breiteren Raum ein. Dennoch kritisierte Peter von der Lippe diese Entwicklung immer wieder. Das ist aber nur ein scheinbarer Widerspruch, denn es war nicht das was, das ihn störte, sondern das wie. Seine Beobachtung war, dass die Zahl der Ausbildungsstunden in Statistik bereits seit vielen Jahren genauso abnimmt wie die Zahl der Statistiklehrstühle an den Wirtschaftsfachbereichen. Statistik wird in vielen Fällen von den Lehrenden der Betriebs- und Volkswirtschaftslehre quasi „nebenbei“ vermittelt. Auf ausgewiesene Statistiker glaubt man dabei verzichten zu können. Dies führt – so das Fazit von Peter von der Lippe - aber dazu, dass die Statistik in den Wirtschaftswissenschaften eine Art Eigenleben führt und zum Teil Pseudoprobleme generiert, die methodisch überhaupt nicht vorhanden oder längst gelöst sind. Seine Streitschriften zum Thema „Repräsentativität“ sind in der statistischen Community wahrscheinlich kaum wahrgenommen worden. In der BWL und hier vor allem im Bereich Marketing haben sie hohe Wellen geschlagen.

Aber auch die eigene Profession sah sich den kritischen Kommentaren von Peter von der Lippe immer wieder ausgesetzt. Er sah vor allem eine stark ansteigende Mathematisierung der Statistik, was dazu führte, dass – wie er verschiedentlich formulierte – Statistik in vielen Fällen als reines „L‘art pour l’art“ betrieben wird. Fragen, wie z.B. Wirtschaftsdaten zustande kommen, werden zumindest an den Hochschulen kaum noch thematisiert, was dazu führt, dass ein Fach wie „Wirtschaftsstatistik“ (streng zu unterscheiden von „Statistik für Wirtschaftswissenschaftler“) heute quasi ausgestorben ist. Auch dies hat nach Meinung von Peter von der Lippe dazu beigetragen, dass sich die Fachwissenschaften inzwischen deutlich von der Statistik als wissenschaftliche Disziplin abgegrenzt haben.

Mit Peter von der Lippe hat die statistische Gemeinschaft einen klugen und kritischen Kopf verloren, der sich nie gescheut hat, unbequeme Wege zu gehen. Es würde der Statistik sicherlich gut zu Gesicht stehen, wenn zumindest seine Inspiration noch möglichst lange nachwirken würde.

 

Einige Veröffentlichungen zu den oben angesprochenen Themen:

·         Von der Lippe, P. (1996), Wirtschaftsstatistik, 5. Auflage, Stuttgart

·         Von der Lippe, P (2000). Der Unsinn von Kettenindizes, in: Allgemeines Statistisches Archiv, 84/1 (2000), S. 67 – 82

·         Von der Lippe, P./A. Kladroba, Repräsentativität von Stichproben, in Marketing ZFP 24 (2002), S. 139 - 145

·         Von der Lippe, P./S. Schmerbach (2003), Mehr Wirtschaftsstatistik in der Statistikausbildung für Volks- und Betriebswirte, in: Allgemeines Statistisches Archiv 87(2003), S. 335 – 344

Von der Lippe, P./A. Kladroba (2008): Der unaufhaltsame Niedergang der Fächer Statistik und Ökonometrie in den Wirtschaftswissenschaften, in: Wirtschafts- und Sozialstatistisches Archiv Band 2 (2008), H. 1-2, S. 21 – 40