Deutsche Statistische Gesellschaft
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Wolfgang Wetzel

Wolfgang Wetzel in memoriam

von Gerd Hansen

Die Deutsche Statistische Gesellschaft trauer um ihren ehemaligen Vorsitzenden und ihr langjähriges Ehrenmitglied Prof. Dr. Dr. h. c. Wolfgang Wetzel, der kurz nach Vollendung seines 83. Lebensjahres am 22. Oktober 2004 verstarb.

Wolfgang Wetzel wurde am 12. Oktober 1921 in Altenburg/Thüringen geboren. Nach der Reifeprüfung im Jahr 1940 in Greiz/Thüringen begann er an der Handelshochschule zu Leipzig mit dem Studium der Betriebswirtschaftslehre, das in den Jahren 1941 bis 1945 durch den Dienst in der Wehrmacht unterbrochen wurde. Nach dem Krieg absolvierte er zunächst in Greiz eine Ausbildung zum Textilingenieur. Sein politisches Engagement bei den Liberalen zwang ihn, seine thüringische Heimat zu verlassen. Im Wintersemester 1948/49 hat er daher sein betriebswirtschaftliches Studium an der neu gegründeten Freien Universität Berlin fortgesetzt. Bis zur Promotion zum Dr. rer. pol. 1953 war er als wissenschaftlicher Assistent am Institut für Industrieforschung unter der Leitung von Erich Kosiol und danach von 1953 bis 1958 am Seminar für Statistik bei Hans Kellerer bzw. bei dessen Nachfolger Hans Münzner tätig. 1958 erhielt er die venia legendi für das Fach Statistik.

Im Jahr 1960 wurde Wolfgang Wetzel auf den neu geschaffenen Lehrstuhl für Statistik an der Christian-Albrechts-Universität zu Kiel berufen, nachdem er seit dem Sommersemester 1959 bereits eine Lehrstuhlvertretung wahrgenommen hatte. Er war 1963/64 Dekan der Rechts- und Sozialwissenschaftlichen Fakultät der Universität Kiel. Im Jahr 1965 nahm Wolfgang Wetzel einen Ruf an die Freie Universität Berlin auf einen Lehrstuhl für Statistik an und begann dort sogleich mit dem Aufbau des Instituts für Angewandte Statistik. In den Jahren 1966/67 war er Dekan der Wirtschafts- und Sozialwissenschaftlichen Fakultät der Freien Universität Berlin. Nach sechsjährigem Berliner Ordinariat kehrte er 1971 auf den Lehrstuhl für Statistik und Ökonometrie an die Universität Kiel zurück und wurde dort 1987 emeritiert.

Wolfgang Wetzel hat schon frühzeitig die Bedeutung einer mathematischen Fundierung für die empirische Forschung erkannt, als noch viele dem Formalismus in der Wirtschaftswissenschaft skeptisch gegenüberstanden. Dabei ging er von einer substanzwissenschaftlichen Frage aus, für die eine geeignete mathematische Lösung gesucht wird. Er legte großen Wert auf eine exakte und vollständige Darstellung des mathematischen Ansatzes, wie zum Beispiel auf die Analyse der Existenz von Lösungen. Sorgfältig wurde auch die Frage nach geeigneten Algorithmen behandelt.

Wolfgang Wetzels wissenschaftliches Werk umfasst die Bereiche der Zeitreihenanalyse, Stichprobentheorie und Unternehmensforschung (hier vor allem das Linear Programming). Im Bereich der Zeitreihenanalyse sind in erster Linie Arbeiten über univariable Prognosemodelle sowie über Saisonbereinigung und Spektralanalyse zu nennen; in der Stichprobentheorie sind es vorranging Untersuchungen über Stichproben aus fixierten endlichen Grundgesamtheiten. Nicht unerwähnt bleiben dürfen die von ihm publizierten Lehrbücher zur mathematischen und statistischen Ausbildung von Wirtschaftswissenschaftlern, die über lange Zeit die Standardwerke in Deutschland darstellten.

Unter seinem Dekanat hat die Wirtschafts- und Sozialwissenschaftliche Fakultät der Freien Universität Berlin als wohl eine der ersten wirtschaftswissenschaftlichen Fakultäten in Deutschland die Mathematische Propädeutik als obligatorisches Fach im Grundstudium eingeführt. Das Engagement für ein stärker methodisch ausgerichtetes wirtschaftswissenschaftliches Studium hat Wolfgang Wetzel auch an der Universität Kiel weiterhin verfolgt, indem er die beiden Studiengänge "Quantitative Betriebswirtschaftslehre" und "Quantitative Volkswirtschaftslehre" mit Schwerpunkten in Statistik, Ökonometrie bzw. Wirtschaftsinformatik initiiert hat. Es waren die ersten Studiengänge dieser Ausrichtung in Deutschland.

Mit dem Namen Wolfgang Wetzel verbunden ist vor allem auch der Einsatz des Computers in der Forschung und Ausbildung in Statistik und Wirtschaftswissenschaften. Er hat diesbezüglich zuerst in Berlin und später in Kiel Pionierarbeit geleistet. Bereits in den sechziger Jahren hat er an der Freien Universität Berlin ein - mit der legendären IBM 1130 ausgestattetes - Institut eingerichtet, das für deutsche Wirtschaftswissenschaft beispielhafte Forschungsbedingungen bot. In Kiel folgte in den siebziger Jahren die PDP-11, die u. a. von den Studierenden für Programmierkurse und für empirische Diplomarbeiten genutzt wurde.

Die Berliner Zeit war Ende der sechziger Jahre nicht immer leicht für Wolfgang Wetzel. Während der beginnenden studentischen Proteste gegen die Gesellschaft und die Strukturen der Universität sowie gegen die angebotenen Studieninhalte hat er stets ein offenes Ohr für berechtigte Anliegen der Studierenden und Mitarbeiter gehabt und sich für sie eingesetzt, oft gegen den Widerstand der Kollegen. So hat er als Dekan der Wirtschaftswissenschaftlichen Fakultät am 2. Juni 1967 nach dem Tod von Benno Ohnesorg den Studenten die Hörsäle der FU geöffnet und so eine Eskalation in der Auseinandersetzung mit der Polizei verhindert. Diese Art Zivilcourage kennzeichnete ihn.

Auch die große Anzahl seiner Schüler, die Lehrstühle an deutschen Hochschulen inne haben bzw. hatten, ist ein Ausweis der Exzellenz von Wolfgang Wetzel als Hochschullehrer. Wolfgang Wetzel war Mitglied u. a. der American Statistical Association und des International Statistical Institute. Von 1972 bis 1976 war er Präsident der Deutschen Statistischen Gesellschaft. Er betrieb in seiner Amtszeit eine stärkere Hinwendung der Gesellschaft zu Fragen der statistischen Methodik und neuer Gebiete wie der Ökonometrie, ohne die Rolle der Amtlichen Statistik in der Gesellschaft zu schmälern. Auf seine Initiative hin wurde die Pfingsttagung gegründet, die den Statistikern an den Wirtschaftsfakultäten und den Kollegen der Stochastik an den mathematischen Fakultäten sowie dem wissenschaftlichen Nachwuchs ein wichtiges Kommunikationsforum bietet. Die Gründung eines "Ausschusses für Empirische Wirtschaftsforschung und Angewandte Ökonometrie" der Deutschen Statistischen Gesellschaft geht ebenfalls auf seine Initiative zurück. Die Deutsche Statistische Gesellschaft hat ihm als Dank die Ehrenmitgliedschaft auf der Mitgliederversammlung 1987 in Berlin verliehen. Er war Mitherausgeber verschiedener Zeitschriften und hat die Schriftenreihe "Arbeiten zur Angewandten Statistik" mitbegründet. Die wirtschaftswissenschaftliche Fakultät der Freien Universität Berlin hat ihm für seine Verdienste um die Statistik in Deutschland 1994 die Ehrendoktorwürde verliehen.

Nach seiner Emeritierung 1987 erlahmte sein Interesse an der Statistik und EDV keinesfalls. Er hat sich weiter mit Fragen der Stichprobentheorie beschäftigt und darüber gelehrt. Bis kurz vor seinem plötzlichen Tod hat er an Tagungen, insbesondere der Deutschen Statistischen Gesellschaft sowie an Seminaren des Instituts für Statistik und Ökonometrie in Kiel teilgenommen. Die Deutsche Statistische Gesellschaft bleibt Prof. Dr. Dr. h. c. Wolfgang Wetzel zu großem Dank verpflichtet und wird ihn stets in ehrenvoller und dankbarer Erinnerung behalten.

aus: Allgemein Statistisches Archiv 2005 - Volume 89 - Number 1 - pp. 95-97

 

Gerd Hansen Institut für Statistik und Ökonometrie Christian-Albrechts-Universität zu Kiel Olshausenstraße 40 24098 Kiel gh@stat-econ.uni-kiel .de